Was auf dem Majdan geschah

Am 23. Mai fand in Kiew auf dem Majdan eine Kundgebung gegen Arbeitsmigration statt. Dabei waren Parolen zu sehen, die sich gegen ausländische Arbeitskräfte richteten und teils offen nationalistisch oder fremdenfeindlich formuliert waren, darunter Slogans wie Ukraine für Ukrainer oder die Frage, ob ein Pakistaner Kupjansk verteidigen werde.

Bereits am 16. Mai hatte es am selben Ort eine kleinere Aktion der Organisation Bratstwo gegeben, die mit Dmytro Kortschynskyj in Verbindung gebracht wird. Das Medium The Page berichtete damals von rund 30 Teilnehmenden und ähnlichen Parolen.

Auch aus Lwiw wurden zuletzt entsprechende Agitationsversuche bekannt. Dort tauchte im öffentlichen Verkehr Werbung gegen den «Import von Arbeitsmigranten» auf.

Warum das Thema jetzt an Schärfe gewinnt

Hintergrund der Debatte ist vor allem die angespannte demografische und wirtschaftliche Lage. Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer leben weiterhin im Ausland, viele Männer sind mobilisiert oder nur eingeschränkt im regulären Arbeitsmarkt verfügbar, während Unternehmen Personal suchen.

Nach Einschätzung des Zentrums für Wirtschaftsstrategie befanden sich im Januar 2026 rund 5,6 Millionen ukrainische Flüchtlinge im Ausland. Eurostat erfasste per 31. März 2026 in der EU 4,33 Millionen Menschen aus der Ukraine mit temporärem Schutzstatus. Im Inland sind nach Angaben des Sozialministeriums 4,6 Millionen Binnenvertriebene registriert; der Demograf Oleksij Posnjak schätzt die tatsächliche Zahl tiefer ein.

Das Wirtschaftsministerium verweist zugleich auf einen strukturellen Arbeitskräftemangel. Für stabiles Wachstum würden in den kommenden zehn Jahren etwa 4,5 Millionen Arbeitskräfte benötigt. Wirtschaftsminister Oleksij Sobolew erklärte jedoch, die massenhafte Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte sei derzeit keine Priorität; im Vordergrund stünden die Rückkehr von Ukrainerinnen und Ukrainern sowie die stärkere Einbindung jener Menschen, die bereits im Land sind.

Die Zahl ausländischer Arbeitskräfte bleibt bisher begrenzt

Die aktuellen Zahlen sprechen nicht für eine breite Einwanderung. Nach Angaben von VoxUkraine lebten im Herbst 2025 mehr als 46'000 Ausländerinnen, Ausländer und Staatenlose mit befristeter Aufenthaltsbewilligung in der Ukraine. Davon hielten sich mehr als 10'000 wegen offizieller Beschäftigung im Land auf, rund 7'000 zum Studium und etwa 5'000 wegen Freiwilligenarbeit oder gesellschaftlicher Tätigkeit.

Ukrajinska Prawda berichtete unter Berufung auf Daten der Migrationsbehörde und von Texty, die Gesamtzahl registrierter Migrantinnen und Migranten in der Ukraine liege seit 2021 relativ stabil bei rund 300'000. Die Zahl der Einwanderungsbewilligungen sei sogar rückläufig: 2025 wurden demnach 2'851 Bewilligungen erteilt, in den ersten drei Monaten 2026 waren es 675.

RBC-Ukraine schrieb zudem, im ersten Quartal 2026 seien 3'554 Bewilligungen für den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte ausgestellt worden; im ganzen Jahr 2025 waren es etwas mehr als 7'000. Das ist mehr als in den ersten Jahren des russischen Grossangriffs, deutet aber weiterhin nicht auf eine Massenentwicklung hin.

Sichtbare Einzelfälle prägen die Wahrnehmung

Trotz der begrenzten Gesamtzahlen testen ukrainische Unternehmen laut mehreren Berichten bereits die Anstellung von Arbeitskräften aus Indien, Bangladesch, Pakistan, Nepal und weiteren Ländern. Betroffen sind vor allem Bau, Industrie, Logistik, Landwirtschaft und Saisonarbeit.

Die Kyiv Independent schrieb, Unternehmens- und Rekrutierungsstrukturen bestätigten ein wachsendes Interesse an Arbeitskräften aus Südasien. Radio Free Europe/Radio Liberty nannte konkrete Beispiele: Eine Verwaltungsgesellschaft eines Wohnkomplexes kündigte wegen eines kritischen Personalmangels die Anwerbung von Arbeitern aus Indien an, ein holzverarbeitender Betrieb in Transkarpatien stellte 150 Arbeiter aus Bangladesch ein, und in Tscherkassy war ein Einsatz ausländischer Arbeitskräfte im Strassenbau geplant.

Gerade solche sichtbaren Einzelfälle entfalten politischen Symbolwert. In einer Gesellschaft, die von Krieg, Mobilisierung, Emigration und sinkender Geburtenrate geprägt ist, wird die Präsenz ausländischer Arbeiterinnen und Arbeiter rasch mit Fragen von Fairness und Verdrängung verbunden.

Petitionen, Falschmeldungen und politische Zuspitzung

Zur aktuellen Welle trugen mehrere Faktoren bei. Am 11. Mai wurde eine Petition gegen die massenhafte Anwerbung von Ausländerinnen und Ausländern eingereicht; bis zum 19. Mai erreichte sie die nötigen 25'000 Unterschriften. Darin wird unter anderem ein Programm zur Rückkehr ukrainischer Arbeitskräfte gefordert sowie eine Einschränkung von Bewilligungen in Branchen, in denen der Bedarf auch im Inland gedeckt werden könnte.

Ukrajinska Prawda schrieb zudem, nach Veröffentlichungen in prorussischen Kanälen hätten soziale Medien das Thema weiter verbreitet. Genannt wurden ein gefälschtes Video eines angeblichen Pakistaners, der Landsleute in die Ukraine einlade, sowie ein altes Prügelvideo, das fälschlich als ethnischer Konflikt in Iwano-Frankiwsk ausgegeben worden sei.

Hinzu kommt die politische Zuspitzung. Laut Ukrajinska Prawda äusserten sich bereits Abgeordnete und Stadtpräsidenten zu dem Thema. Der Charkiwer Stadtpräsident Ihor Terechow wandte sich demnach an Regierung und Parlament mit der Forderung, eine massenhafte und unkontrollierte Anwerbung von Migrantinnen und Migranten zu verhindern.

Worum der Konflikt tatsächlich geht

Im Kern ist die Auseinandersetzung weniger ein Streit über bereits vorhandene Migration als über die Frage, wer die Ukraine künftig tragen und wiederaufbauen soll. Die eine Seite fordert, zuerst Ukrainerinnen und Ukrainer aus dem Ausland zurückzuholen, Binnenvertriebene, Veteranen, Frauen, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen stärker in den Arbeitsmarkt einzubinden und nur danach über Arbeitsmigration zu sprechen.

Die andere Seite verweist darauf, dass die demografische Lücke so tief sein könnte, dass Wirtschaft, Infrastruktur und Wiederaufbau langfristig ohne zusätzliche Arbeitskräfte von aussen kaum auskommen.

Die Strassenparolen verschieben diese Debatte allerdings teilweise in eine ethnische und rassistische Richtung. Damit wird aus einer arbeitsmarktpolitischen Frage auch ein gesellschaftliches und reputationsbezogenes Problem.

Der Majdan ist der zentrale Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Er ist in der Ukraine ein symbolisch aufgeladener Ort für politische Kundgebungen und Proteste.