Was Selenskyj sagt
Wolodymyr Selenskyj hat erklärt, Wladimir Putin dränge Alexander Lukaschenko dazu, entweder die Ukraine oder ein NATO-Land im Norden anzugreifen. Er nannte dabei Litauen und Lettland als mögliche Ziele und sagte zudem, die Ukraine verfüge über Details eines Gesprächs zwischen Russland und Belarus.
Die Aussage fügt sich in eine seit Monaten schärfere ukrainische Rhetorik gegenüber Minsk ein. Bereits zuvor hatte Kiew vor möglichen militärischen Risiken an der Nordgrenze gewarnt und Sanktionen gegen Lukaschenko verhängt.
Wie die Lage an der Grenze eingeschätzt wird
Als Hinweise auf mögliche Vorbereitungen werden in Belarus unter anderem Strassenbau zur Grenze, neue Grenzposten, Artilleriestellungen sowie der Bau militärischer Infrastruktur genannt. Solche Massnahmen gelten für sich allein jedoch nicht als eindeutiger Beleg für eine unmittelbar bevorstehende Offensive. Sie können auch eine allgemeine Verstärkung der Grenzsicherung bedeuten.
Aus ukrainischen Militärkreisen wird die Gefahr eines grossen Angriffs derzeit zurückhaltender bewertet. Demnach verfügt Belarus gegenwärtig nicht über ausreichende Kräfte für eine grössere Offensive. Als realistischer gelten eher begrenzte Grenzprovokationen oder Massnahmen, die ukrainische Einheiten im Norden binden und so Druck von Frontabschnitten im Osten und Süden nehmen sollen.
Keine Offensiven auf Kiew, Luzk, Schytomyr oder Riwne werden prognostiziert. Solche Szenarien sind derzeit unrealistisch.
Konstantyn Nemytschew · Kommandeur der Einheit Kraken
Warum Belarus politisch im Fokus steht
Im Hintergrund steht auch die diplomatische Rolle von Lukaschenko. In politischen Analysen in der Ukraine und in internationalen Medienberichten wurde Belarus in den vergangenen Monaten wiederholt als möglicher Kommunikationskanal zwischen Moskau und Washington beschrieben. Der Journalist Simon Shuster schrieb bereits im vergangenen August, Lukaschenko habe sich um Kontakte im Vorfeld eines Treffens zwischen Putin und Donald Trump bemüht und dabei Signale vermittelt, Russland sei zu Zugeständnissen bereit.
Diese Signale nährten im Weissen Haus die Hoffnung auf einen diplomatischen Durchbruch und halfen, den Boden dafür zu bereiten, dass die USA und Russland am 6. August ein baldiges persönliches Treffen ihrer Staatschefs ankündigten.
Simon Shuster · Journalist
Vor diesem Hintergrund wird Selenskyjs Warnung auch als Teil eines grösseren politischen Ringens gelesen: Kiew versucht, zusätzlichen Druck auf die ukrainische Führung in Fragen des Donbass zu verhindern und Belarus dabei nicht als neutralen Vermittler erscheinen zu lassen.



