Vorwürfe zu den Gesprächen von Istanbul

Die frühere Pressesprecherin von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Julia Mendel, hat den ukrainischen Verhandlungen mit Russland im Frühjahr 2022 weitreichende Zugeständnisse zugeschrieben. In einem Interview mit dem US-Journalisten Tucker Carlson sagte sie, Personen aus dem ukrainischen Verhandlungsteam hätten ihr erklärt, man habe in Istanbul praktisch allen Bedingungen zugestimmt. Besonders schwer wiegt ihr Vorwurf, Selenskyj habe persönlich zugestimmt, den Donbass abzugeben, weil dies aus seiner Sicht das Ende des Krieges bedeutet hätte.

Ich sprach mit Leuten, die die Ukraine bei den Verhandlungen in Istanbul 2022 vertreten haben. Sie erklärten mir im Detail, dass sie allem zugestimmt hatten. Und noch wichtiger: Sie sagten, dass Selenskyj persönlich zugestimmt habe, den Donbass abzugeben.

Julia Mendel · frühere Pressesprecherin von Wolodymyr Selenskyj

Mendel stellte diese Darstellung dem heutigen Kurs des Präsidenten gegenüber. Sie sagte, Selenskyj erkläre nun vor grossem Publikum, den Donbass nicht abgeben zu können, und warf ihm Widersprüchlichkeit vor.

Ich hege keine persönliche Rache, aber ich glaube, dass Selenskyj heute eines der grössten Hindernisse auf dem Weg zum Frieden ist.

Julia Mendel · frühere Pressesprecherin von Wolodymyr Selenskyj

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Weitere Anschuldigungen im selben Interview

Im selben Gespräch erhob Mendel weitere schwere Vorwürfe gegen den Präsidenten. Sie sagte, Selenskyj habe von seinem Team verlangt, positive Botschaften in grossem Umfang zu verbreiten und dabei von einer Propaganda «wie bei Goebbels» gesprochen.

Das Wichtigste ist: Wir brauchen 1000 sprechende Köpfe. Wenn 1000 sprechende Köpfe über positive Dinge reden, dann geschehen positive Dinge, und die Menschen glauben, dass es positive Dinge gibt.

Wiedergabe von Julia Mendel zu einer Äusserung Selenskyjs

Nach ihrer Darstellung hätten Mitarbeitende des Präsidialamts eingewandt, dass konkrete Versprechen unerfüllt geblieben seien, etwa bei Wohnungen für Vertriebene aus dem Donbass. Daraufhin habe Selenskyj erneut auf eine breit angelegte Kommunikationslinie gedrängt.

Ich brauche Goebbels-Propaganda, wenn ihr so wollt. Ich brauche Tausende sprechende Köpfe, die Goebbels-Propaganda verbreiten.

Wiedergabe von Julia Mendel zu einer Äusserung Selenskyjs

Zudem äusserte sich Mendel zu seit längerem kursierenden Gerüchten über einen möglichen Drogenkonsum des Präsidenten. Sie sagte, sie habe Selenskyj nie selbst beim Konsum von Drogen gesehen. Zugleich verwies sie auf Erzählungen aus seinem Umfeld sowie auf Verhaltensweisen, die ihr auffällig erschienen seien. Diese Aussagen legte sie ohne eigene direkte Beobachtung des behaupteten Konsums dar.

Politische Einordnung

Die Aussagen betreffen zentrale Fragen der ukrainischen Kriegs- und Verhandlungspolitik. Der Hinweis auf mögliche Gebietsabtretungen im Donbass berührt einen besonders sensiblen Punkt, weil die Haltung Kiews zu besetzten Gebieten seit Beginn der grossflächigen russischen Invasion international genau beobachtet wird.

Gleichzeitig zielen Mendels Vorwürfe auf die Glaubwürdigkeit der politischen Führung. Sie verbindet ihre Darstellung der Istanbul-Gespräche mit Kritik an Selenskyjs Kommunikation und Führungsstil. Eine Reaktion des Präsidialamts oder des Präsidenten selbst wird im vorliegenden Material nicht genannt.