Im vergangenen Jahr erschien in Russland die Serie Lieber Willi. Sie blieb eher unauffällig, obwohl ihr Stoff bemerkenswert ist. Die Geschichte ist zwar frei erfunden, berührt aber teilweise die heutige Debatte über den Krieg in der Ukraine sowie über die Beziehungen zwischen Europa und Russland.
Die Handlung spielt in den 1960er-Jahren zur Zeit von Generalsekretär Leonid Breschnew, der in einer ungewöhnlichen Rolle als weiser Friedensstifter erscheint.
Der Handlung zufolge planen die USA, in Westdeutschland heimlich Atomraketen zu stationieren, die die Sowjetunion mit minimaler Vorwarnzeit treffen könnten. Der sowjetische Geheimdienst meldet dies der Führung und warnt vor der Gefahr eines nuklearen Schlags gegen die UdSSR. Die Mehrheit im Politbüro des ZK der KPdSU plädiert dafür, der NATO ein Ultimatum zu stellen und mit dem Einsatz von Atomwaffen zu drohen.
Doch Breschnew stellt sich dagegen. Um eine nukleare Katastrophe zu verhindern, nimmt er mit Hilfe von KGB-Chef Juri Andropow einen inoffiziellen Kontakt zum westdeutschen Bundeskanzler Willy Brandt von der SPD auf, der sich ebenfalls aktiv dafür einsetzt, einen nuklearen Weltuntergang zu verhindern.
Kampf gegen die «Kriegsparteien»
Brandt und Breschnew stehen in der Serie einer sowjetischen und einer westlichen «Kriegspartei» gegenüber, die auf eine direkte Konfrontation der beiden Blöcke hinarbeiten. Die sowjetischen «Falken» sagen, der Westen werde vor einem Ultimatum zurückschrecken. Wenn man es aber nicht stelle, werde das Bündnis die Sowjetunion nicht mehr fürchten.
Die westlichen «Falken» argumentieren, mit Moskau könne man nur in der Sprache der Stärke sprechen.
Beide Seiten versuchen zu verhindern, dass zwischen Brandt und Breschnew eine direkte Verbindung zustande kommt. Dennoch wird dieser Kontakt hergestellt. Dadurch kann der deutsche Kanzler die Stationierung der Atomraketen vereiteln.
Mit realen Ereignissen jener Zeit hat die Handlung allerdings nichts zu tun. Eine Ausnahme ist, dass Willy Brandt tatsächlich die Entspannung mit den Staaten des Ostblocks einleitete, die als Neue Ostpolitik in die Geschichte einging.
Parallelen zu heutigen Debatten
Gerade deshalb erinnert der Stoff an die heutige Auseinandersetzung zwischen «Falken» und ihren Gegnern im Westen und in Russland. Die einen fordern Atomschläge gegen die Ukraine und Europa. Andere plädieren dafür, Kiew Tomahawk-Raketen zu liefern, russische Häfen zu blockieren oder sich sogar direkt am Krieg zu beteiligen. Wieder andere warnen, all dies könne die Ukraine, Europa, Russland und die ganze Welt an den Rand einer nuklearen Katastrophe bringen.
Schon deshalb ist das Erscheinen einer solchen Serie in Russland an sich bemerkenswert.
Auch in der EU läuft derzeit eine eigene Debatte über die Ernennung einer Vertretung für Verhandlungen mit Russland. Wladimir Putin hat bereits gesagt, er würde auf diesem Posten gern den früheren deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder sehen. Auf diese Personalie reagierten viele in Europa und in der Ukraine ablehnend, weil sie als zu prorussisch gilt. Als Alternative wird bereits der deutsche Bundespräsident Walter Steinmeier genannt, ebenfalls ein Sozialdemokrat, bekannt als Autor eines Plans zur Umsetzung der Minsker Vereinbarungen, gegen den sich Kiew stellte.
Debatte in der SPD
In der SPD selbst, die zusammen mit der CDU/CSU von Friedrich Merz der Regierungskoalition angehört, sind die Stimmungen uneinheitlich. Viele dort unterstützen den Kurs der Regierung nicht und verlangen eine Überprüfung der Politik gegenüber Russland und dem Krieg in der Ukraine. Zu ihnen gehört auch Peter Brandt, der Sohn von Willy Brandt.
Im vergangenen Jahr unterzeichnete er zusammen mit anderen bekannten Sozialdemokraten eine gemeinsame Erklärung, in der die Pläne der Regierung zur Wiederaufrüstung kritisiert werden. Darin wird eine schrittweise Rückkehr zu Entspannung und Zusammenarbeit mit Russland vorgeschlagen.
In vielem orientieren sich diese Stimmen an den Grundsätzen der Neuen Ostpolitik von Willy Brandt.
Wie die Financial Times schrieb, sind 58 Prozent der SPD-Mitglieder «treue Anhänger Willy Brandts».
Die NATO ist der russischen Armee konventionell derzeit überlegen. Selbst ohne die Amerikaner.
Peter Brandt
Peter Brandt sagte, er habe die Erklärung unterzeichnet, weil er die Bedrohung durch Russland für übertrieben halte. Die Forderung der NATO, 5 Prozent des BIP für Verteidigung auszugeben, nannte er zudem irrational.
Derzeit dominieren im europäischen Mainstream allerdings ganz andere Stimmungen. Doch die Lage in der Welt verändert sich rasch, was sich womöglich mit der Zeit auch auf Europa auswirken wird. Dann ist es nicht ausgeschlossen, dass man sich an das «Erbe Willy Brandts» und seine Ostpolitik nicht nur innerhalb der SPD wieder erinnert.



