Der Angriff und sein erklärtes Ziel

Kiew hat heute den bislang massivsten Drohnenangriff auf Moskau und das Moskauer Gebiet durchgeführt.

Nach Angaben russischer Behörden kamen drei Menschen ums Leben, 17 wurden verletzt.

Der Generalstab meldete Angriffe auf mehrere Unternehmen des Brennstoff- und Energiesektors sowie auf den Rüstungsbetrieb Angstrem. Ob dort erheblicher Schaden entstanden ist, ist allerdings unklar. Abgesehen von der Ölumladestation bei Solnetschnogorsk, zu der es Videoaufnahmen gibt, ist das Ausmass der Schäden nicht genau bekannt. Der Angriff zeigte auch, dass ukrainische Drohnen die Luftabwehr über Moskau weiterhin nicht in grosser Zahl durchbrechen können. Nur einige von ihnen erreichten den Rand der russischen Hauptstadt im Gebiet einer Raffinerie. Nach dem Ausbleiben von Aufnahmen eines grossflächigen Brandes auf dem Werksgelände scheint die Produktion nicht schwer getroffen worden zu sein. In der Nähe des Werkstors wurden jedoch, wie Bürgermeister Sergej Sobjanin erklärte, zwölf Arbeiter verletzt.

Die ukrainischen Behörden machen grundsätzlich keinen Hehl daraus, dass das Hauptziel des jüngsten Angriffs auf Moskau nicht praktischer Schaden, sondern psychologische Wirkung auf die russische Bevölkerung und insbesondere auf die Bewohner der Hauptstadt ist.

Unsere Antworten auf die russische Verschleppung des Krieges und auf die Angriffe auf unsere Städte sind völlig gerecht. Diesmal haben die ukrainischen Langstreckensanktionen das Moskauer Gebiet erreicht, und wir sagen den Russen klar: Ihr Staat muss seinen Krieg beenden.

Wolodymyr Selenskyj

In dieselbe Richtung äusserte sich auch der Berater des Verteidigungsministers, Serhij Beskrestnow.

Die Bewohner Moskaus haben in dieser Nacht gespürt, wie unsere Städte all die Kriegsjahre leben und welchen Schrecken der Krieg in unsere friedlichen Häuser gebracht hat. Das Wichtigste ist, daran zu denken: Wir haben ihn nicht begonnen und wir sind es nicht, die ihn nicht stoppen wollen.

Serhij Beskrestnow · Berater des Verteidigungsministers

Damit signalisiert Kiew, dass es Moskau mit solchen Angriffen dazu bewegen will, einem Stopp des Krieges entlang der Frontlinie zuzustimmen. Die Hoffnung ist offenbar, Unzufriedenheit in Russland zu wecken, weil das Gefühl von Gefahr und Sorge um die Zukunft wächst.

Die offene Frage ist jedoch, ob Russland und Wladimir Putin tatsächlich so reagieren werden.

Warum Moskau am Abnützungskrieg festhält

Die Strategie des Kremls besteht derzeit darin, das träge Szenario eines Abnützungskriegs aufrechtzuerhalten. Moskau setzt darauf, dass Donald Trump in naher Zukunft doch noch zu praktischen Druckmitteln gegen Kiew greifen könnte, um es zu den sogenannten Bedingungen von Anchorage zu bewegen, also etwa zum Abzug der Truppen aus dem Donbass und zu weiteren Zugeständnissen. Falls das nicht geschieht, kalkuliert der Kreml damit, dass Europa im Lauf von ein bis zwei Jahren wegen steigender Energiepreise und anderer Faktoren in eine Wirtschaftskrise gerät und das bisherige Niveau der Unterstützung für Kiew nicht halten kann. Zusammen mit der Erschöpfung des personellen und wirtschaftlichen Potenzials der Ukraine würde das das strategische Kräfteverhältnis zugunsten Russlands verschieben.

Die ukrainischen Behörden und ihre Unterstützer im Westen verstehen die Gefahr dieses trägen Szenarios gut. Deshalb versuchen sie, es zu durchbrechen.

Die Ausweitung der Angriffe tief ins russische Hinterland, einschliesslich Moskaus, ist dabei eines der wichtigsten Mittel, um Putin zu einem Stopp des Krieges entlang der Frontlinie zu bewegen.

Für Russland wäre das durchaus ein vorteilhafter Ausgang, weil damit faktisch ein militärischer Sieg festgeschrieben würde: Fast 20 Prozent des Territoriums des Nachbarlandes wären besetzt, einschliesslich des Landkorridors zur Krim. Besonders dann, wenn Trump im Gegenzug weitreichende Schritte wie die Aufhebung von Sanktionen oder die Anerkennung des russischen Status der besetzten Gebiete unternehmen würde. Auch insgesamt entwickeln sich die globalen Trends derzeit eher zugunsten Russlands: steigende Preise für Energieträger und andere Rohstoffe infolge der Blockade der Strasse von Hormus, die sichtbare Begrenztheit der militärischen Möglichkeiten der USA am Beispiel Iran, die sich vertiefenden Probleme Europas. Der einzige Faktor, der Moskau daran hindert, diese günstigen Trends voll auszuschöpfen, ist der Krieg in der Ukraine.

Den öffentlichen Aussagen zufolge sieht der Kreml die Lage jedoch anders und will den Krieg entlang der Frontlinie nicht stoppen, weil er auf deutlich mehr setzt.

Warum Russland auf Angriffe bisher nicht mit Kurswechsel reagiert

Bei den Angriffen auf russisches Gebiet haben die russischen Behörden offenbar denselben Kurs eingeschlagen wie in den 2000er Jahren gegenüber den zahlreichen Terroranschlägen tschetschenischer Separatisten: keine Zugeständnisse zu machen, sondern die Gesellschaft an den Gedanken zu gewöhnen, dass all das ausgehalten werden müsse, so schwer es auch sei, um den Krieg zu gewinnen. Entsprechend solle man sich nicht beklagen und nichts von der Macht verlangen, sondern die Einheit stärken.

Diese Taktik ergibt sich auch daraus, dass sich die Lage bei Beschuss und Drohnenangriffen nicht rasch grundsätzlich verändern lässt. Bislang ist es unmöglich, alle Drohnen abzufangen. Das gelingt weder Russland noch der Ukraine noch etwa den Vereinigten Arabischen Emiraten. Man kann nur versuchen, den Schaden zu begrenzen. Einen Schlag gegen die Ukraine zu führen, der Angriffe auf Russland unmöglich macht, ist ebenfalls nicht realistisch, ausser mit Atomwaffen.

Die Produktion von Drohnen und anderer Waffen in der Ukraine ist dezentralisiert, liegt oft unter der Erde und wurde teilweise nach Europa verlagert.

Russland kann weitere Schläge gegen Industrie- und Infrastrukturziele führen. Aber selbst wenn all diese Objekte zerstört würden und selbst wenn die Schifffahrt in die Häfen blockiert würde, was beides ausserordentlich schwer zu erreichen ist, würde das der Ukraine nicht die Fähigkeit nehmen, Krieg zu führen und Russland anzugreifen. Es würde lediglich bedeuten, dass die europäische Hilfe erhöht werden müsste oder, falls das nicht gelingt, dass der Hrywnja-Kurs auf 100 pro Dollar fällt.

Eine Ausnahme wäre ein langfristiger Blackout der ukrainischen Energieversorgung. Doch trotz zahlreicher Angriffe hat Russland das bislang nicht erreicht, und ob das überhaupt möglich ist, ist unklar.

Mit Blick auf Forderungen verschiedener russischer Hardliner, endlich härter zurückzuschlagen oder Kiew zu zerstören, ist festzuhalten, dass Russland bereits einen äusserst zerstörerischen Krieg gegen die Ukraine führt. Selbst nach der Zunahme ukrainischer Angriffe machen die Belastungen für Russinnen und Russen nicht einmal einen Zehntel der Belastungen aus, die Ukrainerinnen und Ukrainer durch diesen Krieg ertragen. Die russische Armee zerstört ganze Städte dort vollständig, wo sie sie mit Gleitbomben und Rohrartillerie erreichen kann. Dass das Zentrum von Kiew bis heute intakt ist, liegt nicht an einer besonderen Zurückhaltung der russischen Führung, sondern daran, dass Gleitbomben es nicht erreichen. Raketen auf Regierungsgebäude zu verschiessen, ist zudem teuer, während sich Selenskyj bei Luftalarm in der Regel in einem Bunker befindet und solche Raketen über Kiew oft abgefangen werden.

Deshalb ergibt es aus russischer Sicht wenig Sinn, mit einer speziellen Vergeltung zu drohen oder Kräfte gezielt für demonstrative Schläge gegen Regierungsobjekte einzusetzen. Russland greift die Ukraine ohnehin täglich an, auch Kiew, mit Hunderten, manchmal Tausenden Drohnen, die bis nach Transkarpatien gelangen und alle Linien der ukrainischen Luftabwehr durchbrechen.

Die Schwelle, ab der Moskau neue Optionen prüfen könnte

Die Taktik, auf Drohnenangriffe nicht eigens zu reagieren und stattdessen am bisherigen Plan festzuhalten, funktioniert allerdings nur so lange, wie der Schaden ukrainischer Angriffe keine kritische Schwelle überschreitet. Das gilt sowohl praktisch, also für Industrie, Export und Staatseinnahmen, als auch psychologisch mit Blick auf die Stimmung in der Gesellschaft.

Falls der Kreml dann nicht bereit ist, den Krieg entlang der Frontlinie zu stoppen, wofür es bisher keine klaren Anzeichen gibt, bleiben aus dieser Sicht zwei Optionen, die Russland bislang noch nicht eingesetzt hat.

Die erste ist der Einsatz von Atomwaffen. Das könnte sowohl einen Atomschlag gegen die Ukraine einschliessen als auch Angriffe mit konventionellen Waffen gegen Europa, um es zum Ende der Unterstützung für Kiew zu zwingen. Ein solcher Schritt wäre demnach allerdings nur dann denkbar, wenn Moskau auch bereit wäre, Europa im Fall von Gegenschlägen mit Atomwaffen anzugreifen.

Der Einsatz dieser Option wäre für Moskau selbst jedoch mit grossen Risiken verbunden. Nach Berichten westlicher Medien und Signalen aus dem Kreml wird diese Möglichkeit dort nicht ausgeschlossen, aber für den äussersten Notfall reserviert, falls Russland tatsächlich vor ausserordentlich schweren Problemen stünde.

Mobilisierung als zweite Möglichkeit

Die zweite Möglichkeit wäre eine neue Mobilisierungswelle. In ukrainischen und russischen Militärkanälen wird in letzter Zeit zwar häufig geschrieben, dass sie unter Bedingungen der Drohnendominanz nutzlos sei, weil unbemannte Systeme ebenso gut 100'000 wie eine Million Soldaten töten könnten. In der Realität ist das jedoch nicht ganz so.

Tatsächlich würde eine grössere Truppenmasse Sturmoperationen kaum entscheidend verändern, solange sich an der Drohnenlage nichts ändert. Wenn sich der Vormarsch der russischen Armee überhaupt beschleunigen würde, dann nur geringfügig.

Eine Mobilisierung könnte die Lage jedoch in zwei anderen Aspekten verändern.

Erstens könnte sie die russische Verteidigung stärken und damit mögliche Pläne der ukrainischen Streitkräfte für Offensivoperationen zur militärischen Niederlage Russlands unrealistisch machen, sofern es solche Pläne überhaupt gibt. Das würde bedeuten, dass der Ukraine endgültig die Strategie des Abnützungskriegs aufgezwungen wird. Zweitens könnte sie helfen, die Zahl der russischen Einheiten für unbemannte Systeme um ein Mehrfaches zu erhöhen. Falls das mit einer Ausweitung der Drohnenlieferungen an die Truppen und einer höheren Effizienz ihres Einsatzes einhergeht, könnten die Russen mit der Zeit eine Überlegenheit im Drohnenkrieg erlangen. Danach würde sich die Lage auf dem Schlachtfeld grundlegend verändern.

Allerdings gibt es für den Kreml bei einer Mobilisierung offensichtliche Probleme. Vor allem droht ein Anstieg der innenpolitischen und sozialen Spannungen.

Gerade jetzt verstärkt sich die Unruhe in der russischen Gesellschaft ohnehin wegen des langen Kriegs und der damit verbundenen Schwierigkeiten und Einschränkungen. Ein zentraler Grund ist, dass sehr viele Russinnen und Russen nicht verstehen, weshalb der Krieg weitergeführt werden soll, wenn man ihn entlang der Frontlinie stoppen könnte. Nur wenige können erklären, was für Russland an Kramatorsk, Slowjansk oder überhaupt an der übrigen Ukraine so entscheidend sein soll, dass dafür weitere Opfer gebracht oder gar eine Mobilisierung ausgerufen werden müsste.

Hier könnten ukrainische Angriffe dem Kreml sogar helfen, falls er eine Mobilisierung tatsächlich in Betracht zieht, auch wenn das offiziell bestritten wird. Die russische Führung könnte die Debatte im Land umdeuten: Weg von der Frage, warum man weiterkämpfen solle, wenn Frieden möglich wäre, hin zu der These, dass es keinen Frieden geben könne, solange die Ukraine in ihrer jetzigen Form existiere, weil dann ständig Drohnen fliegen, Schaden angerichtet und ein normales Leben verhindert werde. Daraus könnte abgeleitet werden, dass die sogenannte Spezialoperation zu Ende geführt werden müsse und jedes Opfer gerechtfertigt sei.

Wenn sich diese These in Russland durchsetzen liesse, könnte sie auch eine Mobilisierung und andere radikale Schritte ermöglichen, zu denen der Kreml bisher nicht bereit war.

Bislang arbeitet die russische Führung allerdings nicht in diese Richtung, sondern hält an der trägen Strategie des Abnützungskriegs fest. Dazu gehört auch, in der Gesellschaft den Eindruck zu erhalten, der Krieg sei weit weg und das Land lebe weiter ein normales Leben. Zudem sind abrupte Schritte für den Kreml selbst mit erheblichen Risiken verbunden, auch mit Blick auf die öffentliche Stimmung.

Wenn ukrainische Angriffe oder andere Faktoren diese Strategie jedoch irgendwann brechen, wird praktisch jede Variante möglich.