Worum es geht

Die ukrainische Spezialstaatsanwaltschaft SAP und die Antikorruptionsbehörde NABU haben Andrij Jermak im Zusammenhang mit dem Bau einer Luxuswohnanlage in Kosyn bei Kiew einen Verdacht eröffnet. Nach Angaben der Ermittler geht es um Geldwäscherei in besonders grossem Umfang oder durch eine Gruppe von Personen.

Das Verfahren betrifft den Wohnkomplex «Dynastie». Nach Darstellung der Ermittler sollen zwischen 2021 und 2025 mehr als 460 Millionen Hrywnja (rund 9,9 Millionen Franken) über das Bauprojekt gewaschen worden sein.

NABU ist das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine. SAP ist die spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft, die solche Verfahren prozessual begleitet.

Was die Ermittler darlegen

Nach Angaben von NABU lief nur ein kleiner Teil der Finanzierung offiziell über eine der Wohnanlage zugeordnete Firma. Weitere Einzahlungen sollen von Unternehmen mit Merkmalen von Scheinfirmen gekommen sein. Der Hauptteil der Mittel sei bar geflossen und stamme aus deliktischer Herkunft.

Die Ermittler sprechen von insgesamt fünf geplanten Objekten: vier privaten Residenzen und einem Gemeinschaftsgebäude mit Freizeiteinrichtungen. Veröffentlichte Mitschnitte sollen Gespräche aus den Jahren 2021 und Anfang 2022 dokumentieren, in denen Jermak unter dem Kürzel R2 über Gestaltung und Ausbau eines Hauses spricht. Als zentrale Figur des Bauprozesses nennen die Ermittler den damaligen Vizeregierungschef Olexij Tschernyschow.

Am Dienstag teilte NABU zudem mit, dass in demselben Verfahren neue Verdachtsmitteilungen gegen Tschernyschow, den Unternehmer Timur Minditsch und vier weitere Beschuldigte eröffnet wurden.

Jermaks Reaktion und das weitere Verfahren

Jermak bestreitet, ein Luxushaus bei Kosyn zu besitzen. Er sagte, er verfüge nur über eine Wohnung und ein Auto, und wollte sich vor Abschluss der Ermittlungen nicht näher äussern.

Ich habe kein einziges Haus, ich habe nur eine Wohnung und ein Auto, das Sie gesehen haben.

Auch sein Anwalt weist die Vorwürfe zurück und bestreitet einen Zusammenhang seines Mandanten mit den veröffentlichten Mitschnitten.

Man muss kein professioneller Jurist sein, um sich zu fragen: Wessen Geld soll Jermak bei irgendeinem Bau gewaschen haben? Meiner Meinung nach ist diese ganze Situation durch diesen öffentlichen Druck ausgelöst worden. Was haben wir mit irgendwelchen Mitschnitten zu tun? Haben Sie dort irgendwo auch nur einmal die Stimme von Herrn Jermak gehört?

Fomin · Anwalt von Andrij Jermak

SAP-Chef Oleksandr Klymenko kündigte an, die Staatsanwaltschaft werde für Jermak Untersuchungshaft mit der Möglichkeit einer Kaution von 180 Millionen Hrywnja beantragen. Das entspricht rund 3,9 Millionen Franken. Über die Zwangsmassnahme soll das Hohe Antikorruptionsgericht entscheiden.

Das WAKS ist das Hohe Antikorruptionsgericht der Ukraine. Es verhandelt unter anderem Fälle, die von NABU und SAP an das Gericht überwiesen werden.

Offene Fragen im Umfeld des Falls

Im Umfeld des Verfahrens wird auch über ein viertes Haus spekuliert, das für Präsident Wolodymyr Selenskyj bestimmt gewesen sein soll. NABU bestätigte das nicht. Behördenleiter Semen Krywonos sagte lediglich, Versionen zur Zuordnung einzelner Vermögenswerte würden im weiterlaufenden Verfahren geprüft; der Präsident komme in den bisherigen Ermittlungsunterlagen derzeit nicht vor.

Damit bleibt offen, ob das Verfahren über die bereits genannten Beschuldigten hinaus ausgeweitet wird. Gesichert ist bislang, dass Jermak, Tschernyschow, Minditsch und weitere Verdächtige in den Ermittlungen zum Projekt «Dynastie» genannt werden.