Der heutige massive Angriff Russlands, den Moskau als «Vergeltungsakt» für ukrainische Beschüsse darstellt, lässt sich in zwei Teile gliedern.

Der erste war der Schlag mit «Oreschnik» auf Bila Zerkwa. Ukrainische militärnahe Kanäle schreiben, der Einschlag habe einen Garagenkomplex getroffen. Russische Kanäle sprechen von einem Flugplatz. Wo genau die Rakete einschlug, ist dabei nicht entscheidend, da sie ohnehin ohne Gefechtsladung eingesetzt worden sein soll. Der Angriff war damit vor allem ein weiteres Signal an Kiew und Europa, dass diese Rakete jede Luftabwehr durchbrechen kann und im Fall einer Bestückung mit nuklearen Sprengköpfen enormen Schaden anrichten würde.

Im ukrainischen Informationsraum wird der Schlag mit «Oreschnik» zwar teils als sinnloser Angriff mit einer Attrappe auf «drei Garagen» dargestellt. Ob die Regierungen europäischer Staaten dies vor dem Hintergrund ständiger Drohungen aus Russland ebenso einschätzen, ist jedoch offen.

Probleme der Luftabwehr über Kiew

Der zweite Aspekt ist der Angriff auf Kiew. Ukrainische Monitoring-Kanäle räumen ein, dass die Luftabwehr diese Angriffe nicht besonders erfolgreich abgewehrt habe und es viele Einschläge gab. Selbst nach den offiziellen Angaben des Kommandos der Luftstreitkräfte der ukrainischen Streitkräfte wurde keine einzige Rakete vom Typ «Kinschal» oder «Zirkon» abgeschossen. Von 30 ballistischen «Iskander»-Raketen wurden demnach nur 11 abgefangen.

Als Grund wird inzwischen offen ein Mangel an Raketen für amerikanische Luftabwehrsysteme genannt, der sich durch den Krieg im Iran verschärft habe, weil er die Waffenlager in den USA geleert habe.

Zuvor galt die Hauptstadt wegen ihres dichten Luftabwehrsystems als gut gegen Raketenangriffe geschützt. Das war auch einer der Hauptgründe dafür, dass Russland seltener massive Angriffe auf Kiew flog: Sie waren zu teuer, weil der Grossteil der Raketen abgeschossen wurde.

Nun verändert sich die Lage. Wenn es nicht gelingt, den Mangel an Mitteln der Luftabwehr zu überwinden, könnten derartige Angriffe auf die Hauptstadt deutlich häufiger werden. Der Kreml dürfte sie dabei als «Antwort» auf ukrainische Drohnenangriffe gegen russische rückwärtige Gebiete darstellen.